Kritik

„Die dritte Generation“ an den Münchner Kammerspielen

Regisseurin Charlotte Sprenger untersucht mit dem 3. Jahrgang Schauspiel der Otto Falckenberg Schule Rebellion und Depression einer jungen Generation
Premiere: 28. Januar 2022
Besuchte Vorstellung: 29. Januar 2022

Foto oben: Emma Szabo
Beitrag von: am 02.02.2022

Schaurig-schöne Impressionen

Sex, Drugs and Strobopop: Rainer Werner Fassbinders dritte Generation knallt – und zwar in allen Sinnen des Wortes. Charlotte Sprenger gibt dem ursprünglich als Film konzipierten Stück eine moderne Koloratur.

Billie Eilish fällt als erstes auf. Ihr Gesicht auf einer Leinwand hängt im Hintergrund des Bühnenbilds (Aleksandra Pavlović). Sie schaut in die Ferne und zwei kleine Kronleuchter klammern sie ein. Ansonsten ist fast alles eine Impression in Blau: Blaue Vorhänge und ein blauer Boden dominieren das Bühnenbild. Lediglich drei große weiße Stoffmatten, mit verschiedenfarbigen übergroßen Stoffblumen beklebt, liegen auf dem Boden; eine der Matten ist an der langen Kante aufgerichtet. Stellen sie Steine dar? Betten? Gräber? Dies ergibt sich erst später.

Die Bühne füllt sich, die Mitglieder der fiktiven Terrorzelle „Die dritte Generation“ um ihren Anführer August (Nellie Fischer-Benson) positionieren sich auf der linken Matte, lassen sich anschließend einer nach dem anderen langsam zu Boden fallen und gleiten nach rechts, schwimmend. Einen Augenblick erinnern sie an Géricaults Floß der Medusa, wie sie sich aneinanderklammern, um den Fluten zu entgehen.

Die Kostüme (auch Aleksandra Pavlović) sind schlicht. Ein grobes, hellbraunes Oberteil, eine grobe, hellbraune Hose und hellbraune feste Schuhe wirken gleichmachend. Dies wird durch das identische Make-Up bei allen Mitgliedern noch verstärkt. Was jedoch hervorsticht ist ein buntes Paillettenmotiv das aussieht, wie eine zum Teil explodierende Erdkugel. Sie ziert die Brust von allen. Ein Zeichen für deren anarchisch-linke Gesinnung?

Eine Stimme aus dem Off, welche sich als P.J. Lurz (Anna Gesa-Raija Lappe) entpuppt, läutet die Aufführung ein. In Fassbinders Film ist er es, der die Terrorzelle wie ein Puppenspieler leitet und sie nach seiner Pfeife tanzen lässt. Das allumfassende Element einer eingesprochenen Stimme verstärkt diesen Aspekt der „Figur“. Das Geisterhafte, das Verfluchende begleiten die Aufführung mehrfach bis zu ihrem bitteren Ende.

Nach ein paar Streitigkeiten innerhalb der Gruppe wechselt die Szene in einen Club, Lichter flackern und laute Musik wird eingespielt. August lernt Paul (Florian Voigt) hier kennen. Der junge Mann hat gerade ein Guerilla-Training in Afrika absolviert und scheint wie geschaffen für die linksterroristische Gruppierung. Deren größtes Problem ist ein Mangel an Geld – vom eigentlich Verhassten gibt es nie genug.

Paul ist ein Novum. Er wird von der Gruppe bewundert und macht sich seinen Charme zunutze: Es kommt zum Geschlechtsakt. Überhaupt sind Sexualität, Identitätsfindung und Coming of age konstante Themen der Inszenierung. Eine Gruppe junger Menschen, die eigentlich zum Rauben und Töten ausgebildet ist, um dem absolut Bösen – dem Kapital sowie dem Kapitalismus – die Stirn zu bieten, wirkt oft wie eine Horde Kinder. Der Tanz steht hier für den Geschlechtsverkehr, das Kitzeln symbolisiert den Drogenkonsum. Mit Pronomen wird wild um sich geworfen. Ab und zu gibt es auch übersetzte Passagen ins Französische (oder aus dem Französischen?) und Gesangseinlagen. Die Aufführung hat teilweise etwas Kabarettistisches an sich.

Nach Pauls Ankunft und der Aufnahme von Franz (Joshua Kliefert) in die Gruppe, nimmt die Handlung an Fahrt auf. Anschläge werden geplant aber nicht ausgeführt. Identitäten werden gefälscht doch trotzdem kommt das Wahre zum Vorschein und am Ende… sind alle tot. Nur Bernhard (Sammy Scheuritzel), einziges Nicht-Mitglied der Gruppe – mit dem Pronomen „sie“ versehen – bleibt am Leben, von der Polizei beobachtet. Selbst August, der Verräter, kommt um. Im Spiel von P.J. Lurz, welches stark an die zeitgenössische Südkoreanische Serie Squid Game erinnert, gibt es keine Gewinner, außer man spielt nicht mit.

Billie Eilish, Squid Game und eine Dubstep-Version von Lacrimosa dies illa aus Mozarts Requiem – denn der Bass muss fetzen – sind scheinbare Anachronismen. Die eigentliche Handlung spielt im Winter 78/79; diese Elemente versetzen sie aber in einen zeitgenössischen Kontext. Lediglich die späteren Kostüme, nach dem erfolglosen Identitätswechsel, erinnern an eine Zeit von vor fast 50 Jahren. Sie sind schrill. Disco halt.

Genderfluidität, Sexualität, Identität, Gewalt, Machtspiele und Geldnot sind die zentralen Themen der Inszenierung. Oder waren diese etwa schon immer zentrale Merkmale der Generationen, die sich in der Mitte ihrer 20er befinden? Perspektivlosigkeit und der Verlust des Selbst prägen die hier dargestellten jungen Leute. Sie sind gekoppelt an eine tiefgreifende Mittellosigkeit, die ihnen jedwede Handlungsmacht nimmt. Sie wollen, aber sie können nicht. Sie tun alles, aber erreichen nichts und ihre vorherigen Errungenschaften sind nichts wert, zumindest nichts mehr. Was ihnen bleibt, ist das krampfhafte Klammern an eine scheinbare Führungspersönlichkeit – August in diesem Fall – die ihnen wenigstens die nächsten Schritte zeigt; die Illusion von Kontrolle hält sie am Laufen.

Der russische Anarchist Michail Bakunin wird immer wieder zitiert, von Bernhard, mit einer kindlichen Stimme, als ob „sie“ einen Text für ein Grundschulreferat auswendig gelernt hätte. Den Zitaten zufolge legt der Mensch sich immer wieder hierarchische Ketten auf, da er dem Befehlsprinzip unterliegt. Für die Gruppe ist es August, für August ist es P.J. Lurz, für Ilse (Nils Thalmann) sind es harte Drogen. An diesen stirbt sie später. Alle sterben sie. Billie Eilish weint unterdessen dicke, schwarze Tränen. Die Depression ist vollkommen.

Eine letzte Regung gibt es aber. Im Stillen erstehen sie auf, zombieartig, und fangen an zu tanzen. Die Bewegungen sind aus Michael Jacksons Thriller, die Musik setzt erst ganz am Ende ein. Die dritte Generation ist vielleicht tot, aber sie bleibt es nicht. Die Probleme dieser heterogenen Gruppe bleiben bestehen und schaurig-schön sucht sie uns heim.

Der Autor des Artikels kommt ursprünglich aus Luxemburg, promoviert im Fach Neuere Deutsche Literatur an der LMU, hat einen M.A. im Fach Germanistische Literaturwissenschaft und arbeitet in Teilzeit. In seinem Bachelor-Nebenfach und im Profilbereich seines Masters hat er sich überwiegend mit Theaterwissenschaft beschäftigt.

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