Kritik

„Die Krise des jungen Törleß“ am Schauspiel Stuttgart

Matthias Köhler inszeniert im Nord am Schauspiel Stuttgart „Die Krise des jungen Törleß“ nach Robert Musil in Kooperation mit der HMDK Stuttgart. Die Inszenierung ist bildgewaltig, manchmal fehlt es aber an Tiefe.

Foto oben: Björn Klein
Beitrag von: am 27.02.2023

Vor einer biederen Tapete auf einer sonst leeren Bühne beginnt das Spiel. Sprachfetzen aus Telefonanrufen sind zu hören, es sind Söhne oder Töchter, die ihre Eltern aus dem Internat anrufen. „Mama, ich hab da einen Fleck auf der Hose, da wollte ich bloß mal fragen, wie…also der ist im Schritt, das ist halt schon ungünstig..“, „nee Papa, weißt du, das war gestern…ja…gestern wäre der gewesen“, „ja, wo seid ihr denn? Ich steh hier vor dem Tor, ihr wolltet mich doch abholen…wie, ihr kommt nicht?“. Es sind Kinder an der Schwelle zum Erwachsen werden. In diesen Telefonaten nach Hause bleibt vieles ungesagt. Trotzdem spiegelt sich darin auf eine berührende Art und Weise alles, eben die fehlende Nähe.

Es geht um Törleß. Und es geht um Beineberg, Reiting und Basini. Sie sind alle im autoritären Elite-Internat. Verkörpert werden sie in Matthias Köhlers ersten Inszenierung am Schauspiel Stuttgart von sechs Schauspieler:innen (Janina Fautz, Annabel Hertweck, Anja Pichler, David Richter, Joscha Schönhaus, Furkan Yaprak), alles noch Studierende oder Absolventen der HMDK Stuttgart. Die Charaktere rotieren unter den Schauspielenden: Jede:r ist mal Törleß, mal Basini, Reiting oder Beineberg. So ist jede:r mal Machthaber, mal Opfer. Das zeigt, dass in jedem Menschen diese dunklen Seiten schlummern.

Die Inszenierung folgt Robert Musils Romanvorlage „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ von 1906. Eingeschobene, neu geschriebene Szenen holen die Handlung ins Heute. Basini kommt aus nicht ganz so wohlhabendem Haus, täuscht das aber vor, um mit zur Elite zu gehören. Als er sich in Schuldgeschäften verstrickt und von den anderen beim Klauen erwischt wird, beginnt ein gruseliges Machtspiel. Er wird von Beineberg und Reiting zu deren Sklaven gemacht und psychisch wie physisch ausgenutzt. Törleß sucht Antworten von Basini, aus der Sicht des Opfers, der sich so erniedrigen lässt und wird doch Trittbrettfahrer der anderen. Auch er nutzt Basini aus, der sich ihm unterwirft. „So wie du quält mich sonst keiner“, sagt dieser zu ihm, „du bist sanft zu mir“. Basini glaubt, durch Unterwerfung seine Schuld abzutragen.

Ein bleibendes Bild ist ein großer Stahlhaken, der an einer Kette von der Decke hängt. Es ist ganz klar, wer hier die Dicken Fische sind und wer an der Angel zappelt. Die Inszenierung bleibt jedoch ein wenig bei der  Betonung dieser Hierarchie stehen. Das bei Musil detailreich dargestellte Innenleben von Törleß, der eine schwierige Entwicklung durchlebt, kommt da etwas zu kurz. Was den Schauspieler:innen gut gelingt, ist, Törleß‘ Unsicherheit erlebbar zu machen. Mit überzeugender Bühnenpräsenz zeigen sie gehetzt und nervös seine innere Zerrissenheit.

Die Gewaltverherrlichung, in deren Sog vor allem Beineberg und Reiting geraten, wird durch laute und lange Szenen dargestellt: Hinter einer Stellwand hört das Publikum, wie Basini missbraucht wird, während ein Zögling mit dem Handy filmt; mit Waffen bedrohen sie sich gegenseitig und zeigen gewaltvolle, animalische Sexexzesse zu „Pumped Up Kicks“ von der Band Foster the People. Das betont sarkastisch: „grausam ist geil“.

Ein Schwerpunkt der Inszenierung liegt auf dem verqueren Männlichkeitsbild, dass den Zöglingen vermittelt wird. Nach dem sexuellem Missbrauch wird Basini geschlagen. Die Logik dahinter: Es darf nicht bei „Zärtlichkeit“ bleiben, denn dann müsste Basini als gleichwertig angesehen werden, als Mann. Durch die Schläge wird er zur Sache, zum Eigentum. Nur Törleß schlägt Basini nicht. Hinter seiner Unsicherheit steckt aber nicht die Scham, wie die anderen Macht über Basini auszuüben, sondern die Verwirrung, zu wissen, dass sein „zärtliches“ Verhalten Basini gegenüber nicht in das gängige Muster im Internat passt. Der Text „They hate the love“ von Kim de l’Horizon im Programm unterstreicht die Gefahr, die hinter diesem einseitigen Männlichkeitsbild steckt. Die Zöglinge lernen nicht, mit Sexualität und Liebe umzugehen, sondern haben zur Orientierung nur autoritäre Regeln, in denen das Ungesagte aus den Telefonaten vom Beginn verloren geht: Die Auseinandersetzung mit Angst, Scham und Liebe.

Auszug aus dem Text "They hate the love" von Kim de l'Horizon im Programmflyer © Schauspiel Stuttgart

Das reduzierte Bühnenbild kommt mit wenig Requisiten gut aus und konzentriert die Aufmerksamkeit auf die Dialoge. Die Tapete steht in wirksamem Kontrast zum knalligen Blau der Stühle, die auch mal für Gewalthandlungen gebraucht werden, den überdimensionierten Teddys und den weißen Fechtanzügen der Darstellenden (Bühne und Kostüme: Ran Chai Bar-zvi). Die Zöglinge hassen hier nicht nur die Liebe, sondern lachen über ihr kaputte, „heile“ Kindheit.

Mit roten Perlenperücken werden die Schauspieler:innen zur äußeren Instanz oder Stimme im Kopf von Törleß, die seine innere Zerrissenheit noch weiter steigern. Ein Zeigefinger deutet auf die Institutsleitung, die die Gewalt sieht und nicht einschreitet, obwohl sie selbst mal erwachsen werden und mit den Regeln der Welt zurechtkommen musste. Die eingesetzte direkte Anrede ans Publikum stichelt gegen Bereiche der Sexualität, die in der Gesellschaft immer noch tabu sind. Der Wechsel zwischen Dialogen in Musils komplexer Sprache und bildgewaltigen Szenen, die rein darstellerisch zu Musik gezeigt werden, sind eine angenehme und abwechslungsreiche Mischung und lassen die Inszenierung auf mehreren Ebenen wirken.

Inszenierung: Matthias Köhler

Bühne und Kostüm: Ran Chai Bar-zvi

Musik: Antonia Matschnig

Licht: Michael Frank

Dramaturgie: Lennart Göbel

Mit: Janina Fautz, Annabel Hertweck, Anja Pichler, David Richter, Joscha Schönhaus, Furkan Yaprak

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