Wiebke Puls in "Meister und Margarita" an den Münchner Kammerspielen

Kritik

Ein teuflisches Spiel

Die Regisseurin Jette Steckel verwandelt Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“ an den Münchner Kammerspielen in ein furioses Theaterspektakel inklusive Hypnose und Flug auf dem Besen.

Foto oben: Armin Smailovic
Beitrag von: am 07.03.2026

Jette Steckel hat einen Hang zum Teuflischen. Zumindest, wenn die Regisseurin in München arbeitet. Dort inszenierte sie an den Kammerspielen zuletzt „Mephisto“ nach Klaus Mann, nun legt sie nach mit „Meister und Margarita“ nach Michail Bulgakow. Dieser Roman, mit dem der Autor 1928 begann und dessen letzte Kapitel er 1940 kurz vor seinem Tod im Krankenbett seiner Frau diktierte, erschien erst posthum 1966 – und das in einer stark zensierten Fassung. Die komplette Fassung folgte erst 1973.

Der Roman ist ein Trip durch ein Moskau, in dem es nicht mit rechten Dingen zugeht, in dem ein Teufel namens Woland mit seinen Gehilfen Unruhe stiftet. Das Buch ist die Reaktion eines Satirikers auf das stalinistische Unterdrückungssystem. Es geschehen merkwürdige Dinge in der Stadt: Menschen verschwinden, der Vorsitzende einer Literaturvereinigung wird von einer Straßenbahn überfahren und Margarita verwandelt sich in eine Hexe, während der Meister, ihr Geliebter und Autor eines Romans über Pontius Pilatus, in der Psychiatrie landet. Das alles ist viel und wild und auch wirr. Aber es ist auch extrem witzig in seiner Durchgeknalltheit. Und diese surreale Welt rund um den Moskauer Patriarchenteich kann einem auch den einen oder anderen Schauer über den Rücken jagen.

Ein wilder Ritt durch die Möglichkeiten des Theaters

Aus diesem über 500 Seiten dicken Mammutwerk nun einen Theaterabend zu machen, ist eine Challenge. Doch Jette Steckel hat keine Angst vor Herausforderungen. Ihre „Mephisto“-Adaption war furios, Thomas Schmauser verkörperte den Schauspieler Hendrik Höfgen, der nicht nur die Rolle des Mephistos in Goethes „Faust“ übernimmt, sondern auch seine eigene Seele an das Nazi-Regime, ergo den Teufel, verkauft (und der natürlich große Ähnlichkeit zu Gustaf Gründgens hat). Schmauser spielte ihn vielschichtig und facettenreich: eitel und larmoyant, wankend und wütend. Ein zitterndes Nervenbündel im einen Moment, ein skrupelloser Mitläufer im nächsten. In „Meister und Margarita“ stellt Schmauser nun nicht den Täter dar, sondern das Opfer eines Unrechtssystems. Er spielt nicht nur den Meister im Roman, sondern auch den Autor Bulgakow selbst. Mal ist er fahrig, dem Wahnsinn nahe, dann wieder ganz klar und präzise in seiner Gesellschaftskritik.

Wenn der Roman von Bulgakow ein wilder Ritt durch Moskau ist, dann ist die Inszenierung von Jette Steckel einer durch die Mittel und Möglichkeiten des Theaters. Sie beginnt mit einer Theaterprobe von jenem „Pontius Pilatus“-Stoff, an dem der Meister im Roman schreibt. Diese wird aus dem Zuschauerraum vom Intendanten unterbrochen, die Produktion gecancelt: zu wenig erzählerisches Talent, zu viel „pazifistische Leier“ und politische Inhalte. Der Autor/Meister wittert politische Unterdrückung und hält ein Plädoyer für die Kunstfreiheit. Martin Weigel als Intendant Berlioz und Thomas Schmauser als Meister liefern sich ein hitziges Wortgefecht, als sich ein Dritter einmischt: Woland. Wiebke Puls gibt diesem Teufel eine faszinierende Gefährlichkeit. Sie istv ein Zauberer im Nadelstreifenanzug, ein bisschen Al Pacino, ein bisschen Mick Jagger, ein bisschen von allen eben, die eine gewisse „Sympathy for the Devil“ hegen. Mit spielerischer Leichtigkeit übernimmt sie ab nun mit ihren Gefährten, Christian Löber als Fagott und Elias Krischke als schwarzer Kater, das Geschehen. Aus der Realität des Theaters samt kaffeebringendem Regieassistent entführt sie Figuren wie Publikum in eine Welt, in der alles möglich ist und nichts mit rechten Dingen zugeht. Bühnenbildner Florian Lösche hat dafür einen flirrenden Raum aus Kettenvorhängen kreiert, die sich mal zum klaustrophobischen Sanatoriumszimmer formieren, mal zum Moskauer Straßengewirr.

"Meister und Margarita" an den Münchner Kammerspielen, Bühnenbild von Florian Lösche "Meister und Margarita" an den Münchner Kammerspielen, Bühnenbild von Florian Lösche, Foto: Armin Smailovic

Verzweifelt am Irrsinn der Welt

Da wird einer in einer Video-Live-Übertragung auf der Maximilianstraße von einer Straßenbahn geköpft, während der Kater in dieselbe einsteigt; da regnet es Geld vom Bühnenhimmel in dieser Welt der Verführbarkeiten und Korruptionen; da verwandelt sich Margarita im gegenüberliegenden Hotel Vierjahreszeiten in eine nackte unsichtbare Hexe, um mit dem Besenstil zurück ins Theater zu fliegen; da tanzen drei Materialkoffer über die Bühne und schließlich schwebt ein von Woland hypnotisierter Zuschauer wie ein Brett über zwei Arbeitsböcken. Parallel verzweifelt der Meister zunehmend am Irrsinn dieser Welt. Am Ende liegt er wie Bulgakow selbst krank danieder und diktiert Margarita sein Buch.

Das alles steckt in diesem Stoff, und noch viel mehr. Natürlich kann auch ein vierstündiger Theaterabend nicht alle Aspekte eines solchen Romans aufgreifen, natürlich muss die Regie Entscheidungen treffen. Manch ein Moment, manch eine Szene fehlt einem dennoch. Die Pontius-Pilatus-Erzählung nimmt bei Jette Steckel unproportional viel Raum ein und zieht sich in die Länge. Und so ganz fügen sich all die Erzählstränge nicht zu einem großen Bild zusammen, auch die Rahmenhandlung um die politische Zensur bleibt ein wenig Behauptung. Dennoch ist dieser Abend voller zauberhafter Momente, die die Macht der Kunst und der Fantasie aufs Schönste und Verrückteste feiern. Denn das Ensemble, das neben den Genannten auch noch Erwin Aljukić, Linda Pöppel und Edmund Telgenkämper umfasst, überzeugt auf der ganzen Linie.