Kritik

„Und morgen streiken die Wale“ am Theater der Jungen Welt

Online-Premiere: 13. März 2021

Foto oben: Tom Schulze
Beitrag von: am 17.03.2021

Kurz die Welt retten

Ein Stück über Umweltbewusstsein, Mut und die Wichtigkeit persönlichen Engagements

Mel (Julia Sontag) sitzt im Publikumsraum. Sie ist ruhig, sieht uns durch die Kamera direkt an und beginnt, von ihrem Abenteuer zu erzählen, als sie sechzehn war und eine Begegnung mit einem Wal hatte. Dargestellt wird dies auf der Bühne im Theater der jungen Welt Leipzig, die Live Übertragung wird per Kamera gefilmt. Das Publikum erlebt das Schauspiel als ein Zoom- Meeting, das Video wechselt zwischen einer Live-Übertragung der Performance von Julia Sontag und den Aufnahmen, in einen Video-Filter mit malerischem Flair, von den restlichen Rollen und deren Schauspieler*innen.

Neun tote Wale liegen am Meer. Neun Kadaver sind gestrandet, ein weiterer Wal verirrt sich in die Bucht. Mel zieht hinaus aufs Meer, um diesem Wal zu helfen, und schreibt dadurch ihre eigene Moby-Dick Geschichte. Das Stück „Und morgen streiken die Wale“ (geschrieben von Thomas Arzt, Regie: Johanna Zielinski) handelt von der Unerschrockenheit von Mel nachts auf das Meer zu fahren, um den zehnten Wal zu finden, der noch einsam in der Bucht umher treibt und verloren zu sein scheint. Es ist ein Schauspiel mit vielen Gedanken von Menschen über das Meer und die Dunkelheit, über Tag und Nacht, einem rebellischem „Bin nur kurz die Welt retten“ und einem lautem „Ihr könnt uns alle mal!“.

Wir begleiten Mel auf ihre Reise in die Bucht, klettern mit ihr über das Absperrband hindurch zu den neun Walen und berühren die Haut eines Wales, der im Sterben liegt, aber noch atmet, wir hören die Klickgeräusche der Pottwale, lösen das Rätsel eines nahezu mystischen alten Seemannes und versuchen anhand von Mels Beschreibungen herauszufinden, was in ihrem Leben geschieht.

Was die Zuschauer*in sieht, ist schwer zu beschreiben. Mal befinden wir uns in purer Dunkelheit und betrachten das beleuchtete Gesicht der Akteurin, mal sehen wir Mel von oben gefilmt in einem Boot liegen, mal sehen wir die Andeutungen einer Walhaut. Das Bühnenbild ist abstrakt gehalten und die Geschichte wird filmisch erzählt, mit vielen Nahaufnahmen und dazu geschnittenen Szenen. In diesen werden weitere Figuren gezeigt, die mit Mel interagieren, als auch andere Orte, wie Mels Zuhause. Ansonsten bleiben uns der Strand und das Meer weitestgehend verborgen. Wir erleben die Handlung durch Mels Erzählung.

Die Geschichte regt dazu an, über den eigenen Konsum nachzudenken, über die Privilegien, die wir genießen können und es führt uns aus der Perspektive einer Jugendlichen einen kritischen Blick auf den Kapitalismus vor Augen, wie auch die Aufforderung, sich selbst aufzuraffen und selbst etwas gegen die Ungerechtigkeiten und Zerstörung dieser Welt zu tun.

„Denk mal realistisch. Scheiß auf Realismus. Wir sollten alle in ein Boot steigen und irgendwen retten“, sagt Mel und spricht einen direkt damit an, erinnert einen an das eigene politische Dilemma. Es fordert einen dazu auf, kein*e Passant*in zu sein, die nur vorbei zieht, sich die Dinge anschaut und Selfies macht, ohne etwas gegen das Geschehene zu tun. Auch das Publikum sieht bei der Geschichte von Mel nicht nur zu, sondern nimmt aktiv an dieser teil. Durch Abstimmungen über Zoom wird von den Zuschauer*innen entschieden, wie die Handlungsstränge verlaufen sollen und welche Entscheidungen die Hauptrolle treffen soll.

Durch diese Teilnahme wird die digitale Distanz überbrückt und zeitgleich überkommt einem das Gefühl von einem Videospiel, in welchem man immer neue Aufgaben und Hürden gestellt bekommt, sodass man gespannt am Bildschirm sitzt und die Handlung wachsam verfolgt, auch weil die Fragen, über deren Antworten man abstimmen soll, teilweise wie ein Rätsel gebaut sind und man auch gerne mal, um die Geschichte weiterlaufen zu lassen, eine Matheaufgabe lösen muss. Die Mischung aus Theater, Film und Videospiel erscheint mir als eine gelungene neue Form von Theater, angepasst an die aktuelle Situation. Ich würde es zwar nie mit dem analogen Theater vergleichen und mir darum auch nicht die Frage stellen, ob diese Form interessanter ist, sondern dieses Konzept als eigene Form und Umgang mit der Pandemie verstehen.

Denn trotz dem sehr gelungenem Versuch, das Publikum einzubinden, steht immer noch eine Barriere zwischen Schauspiel und Zuschauer*innen – und das ist der Bildschirm. Auch gerade bei diesem Stück, in dem permanent von Natur und Meer die Rede ist, erscheint es schade, dass man von dieser so gut wie gar nichts sieht oder fühlt. So wurde etwas thematisiert, das kaum gezeigt wurde, und dadurch war es nur schwer zu erleben. Das kann man der Inszenierung aber auch nicht vorwerfen, da sie mit allen Mitteln und trotz der Corona-Pandemie versucht hat, einen intensiven Abend zu gestalten und Julia Sontag durch ihre überzeugende Darstellung einer Sechzehnjährigen den ein oder anderen herzhaften Lacher als auch einen nachdenklichen Blick auf das eigene Konsumverhalten erzeugt. „Ich will in keiner Welt leben, die mir weh tut. Ich will in keiner Welt leben, der ich weh tue“, sagt Mel und verzweifelt auch zwischenzeitlich so einsam auf dem Meer, ein wenig verloren in ihren Gedanken zu dieser und zu ihrer Welt.

Doch am Ende, wenn das Publikum sie sicher durch ihr Abenteuer geführt hat, steht sie wieder selbstsicher vor der Kamera und beendet ihre Moby-Dick Geschichte, in der sie davon erzählt, wie sie einfach mal etwas gemacht hat.

 

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