eine Person mit Maske und pinker Mütze vor einem Mikrofon

Kritik

Liebeserklärung an die Komplexität der Welt

In seinem dritten Stück „LEBENLIFEHAYAT!“ sucht Autor Arad Dabiri einen Platz für ein Kind in dieser Welt – irgendwo im Wirrwarr zwischen Brutalismus und ästhetischer Hässlichkeit. In die düstere Uraufführung in der Regie von Carola Unser-Leichtweiß dringt immer mehr Helligkeit. Uraufführung am 25.4.2026

Foto oben: Jan Bosch
Beitrag von: am 26.04.2026

„LEBENLIFEHAYAT – schachmatt.“ Carola Unser-Leichtweiß‘ Premiere am Landestheater Marburg zeichnet eine sterile, erwachsengewordene Welt mit farbenfrohen Buntstiften. Die Konstanten dieser Realität sind unsicher, Verlieren ist gewiss. Ist hier noch irgendwo Platz für das Kind in uns?

Aria kommt auf die Welt; ein unschuldiges Kind. Es wird in eine Gegenwart geboren, die geprägt ist von Kälte, Neid, Gier und übermäßigem Konsum. Niemand kann so genau sagen, woher das Kind gekommen ist und schnell stellt sich die Frage, welche Rolle es im Gefüge dieser Welt einnimmt: ist es Hoffnungsträger:in, Bedrohung oder Projektionsfläche? Der „Chor der Kinder von Welt“ tritt auf den Plan und betrachtet Aria als mögliches Opfer für das Wohl seiner Gemeinschaft. Einst sind sie, die ältesten Kinder der Welt, in den Garten Eden gefallen, doch inzwischen wurden sie längst aus dem Paradies abgeschoben.

Assoziations-Feuerwerk

In dem Bühnenraum von Stefani Klie sind wir bei den Kindern der Welt zu Gast bei Freunden. In dem inhaltlich sehr dichten, wie poetischen Text von Arad Dabiri beschreibt Aria eine „Fläche, die mal mehr zu bieten hatte und heute eben weniger“. Ein Blumenkübel wird zum Weihrauchspender, das kubische Podest zum Bett und später zum (Opfer-)Altar, an dem die eigenen Sünden abgearbeitet werden sollen. Diese Bühne zeigt keinen Realismus, sondern einen Vorort von Veränderung. Genau wie die zeitlich nicht verortbaren Kostüme werden hier Probleme aufgegriffen, die bereits vor langer Zeit entstanden sind und von unterschiedlichen Vergangenheiten erzählen. In einem Assoziations-Feuerwerk um Krisen und Bewältigungsstrategien explodiert eine Geschichte ohne stringente Handlung.

„LEBENLIFEHAYAT!“ ist eine Abhandlung von Macht und Trägheit einer Masse. Von einem Augenblick, in dem alle, die zu ihr gehören, ihre Verschiedenheiten loswerden und sich als Gleiche fühlen. Von Exklusivität und (nationaler) Identität. Regisseurin Carola Unser- Leichtweiß spricht in der Einführung von einer Liebeserklärung an die Komplexität der Welt.

Sommernachtsalbtraum und Winterparalyse

Greta Lou Plenkers und Faris Saleh teilen sich die Rolle von Aria, dem Kind, das als Outside Eye auf die sechsköpfige Gesellschaft blickt und dabei ab und an zu einer Maske greift, um darunter sein Gesicht zu wahren. Einzelne politische Geschehnisse der Weltgeschichte dienen dieser Gesellschaft als kollektiven Bezugspunkt für eine unreflektierte Selbstbezogenheit, die nach dem Sinn sucht in einer Welt der Sinnlosigkeit. Gefangen zwischen sprachlichem „Sommernachtsalbtraum und Winterparalyse“ stellt der Chor ernüchternd fest: „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Und so langsam dämmert es den Göttern: Ja nichts ist okay!

Wer aufmerksam die poetischen Bilder betrachtet, wird in den anderthalb Stunden noch weiteren bekannten Phrasen begegnen. Genau wie die immer wieder aufflackernden Fotos auf der Leinwand im Hintergrund werden auch politische und kulturelle Referenzen stets nur angerissen, was Schmunzeln oder Verwirrung zur Folge haben kann, je nach Vorwissen.

Was anfangs sehr düster scheint, wird Unterton um Unterton heller, gespiegelt auch von einem kalten sterilen Licht, das sich nach dem Regen in Sonnenschein wandelt. Begleitet wird dieser visuelle Neuanfang von Peter Fox, der „Alles neu“ proklamiert und selbstverständlich Haftbefehl: „Leben, Life; Hayat!“

Doch eine Hoffnung

Arad Dabiri erzählt von einer Hoffnung für den Text, die im Prozess entstanden ist.„LEBENLIFEHAYAT!“ wurde im Rahmen des EU-Projekts „Future Narratives for Planet Earth“ ausgewählt und hat von der Idee bis zur Aufführung viele Stufen durchwandert. Gemeinsam mit Dramaturgin Ia Tanskanen ist aus einem skizzenhaften Konzept ein kraftvolles Gedicht und gleichzeitig ein provokantes Gebet entstanden. Die anfänglich dystopische Zeichnung einer bereits untergegangenen Welt enthält bei genauerer Betrachtung doch eine Hoffnung, die es auch in den Titel des Stücks geschafft hat: Hayat, ein Ausruf von lebensbejahendem Optimismus!

Diese Hoffnung steht darüber hinaus auch symbolisch für die inhaltlich kontextgebende Zukunft des Stücks, in der Eden am Ende vielleicht einfach ein Garten ist. Die „Kinder von Welt“ wurden aus dem Paradies abgeschoben – ob es nach unserer Reise um die Welt irgendwo wieder offen ist, bleibt ungewiss.

 

Porträt einer Frau mit blonden Haaren und Brille

Marie-Luise Wenzel © privat

Marie-Luise Wenzel wurde 2003 in Ulm geboren. Nach ihrem Abitur sammelte sie praktische Erfahrungen in Dramaturgie und Regie an verschiedenen Theatern und einer Filmproduktionsfirma. Aktuell studiert sie Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und veröffentlicht dort regelmäßig Texte.