Kritik

Ein Theaterfest

Zum ersten Mal besuchte unsere Autorin Emilie Willner das Berliner Theatertreffen. Mit „humanistää!“ vom Wiener Volkstheater hat sie gleich eine wirklich „bemerkenswerte“ Inszenierung gesehen.

Foto oben: Nikolaus Ostermann/Volkstheater
Beitrag von: am 16.05.2022

Freitagabend im Haus der Berliner Festspiele. Draußen ist es sonnig, die Vögel zwitschern. Drinnen ist Musik, Sektempfang und erwartungsvolle Stimmung. Vor den hohen Glasfenstern des Gebäudes hängen Banner, die in großer Schrift das Theatertreffen in Berlin bewerben. Auf den Plakaten ist ein Baum vor einer weißen Leinwand zu sehen. Ist es ein Zufall, dass es im Foyer nach frischem Holz riecht? Ein angenehmer Geruch jedenfalls, der sich mit dem Parfum vermischt, das gerne zu besonderen Anlässen aufgetragen wird. Heute ist ein besonderer Anlass: Claudia Bauer mischt mit ihrer Inszenierung „humanistää! – eine abschaffung der sparten“ das Theatertreffen ordentlich auf. Das Stück nach Ernst Jandl vom Volkstheater Wien wurde als eines von zehn „bemerkenswerten“ Theatertücken nach Berlin eingeladen.

 

Hoher Besuch aus Wien

 

Neben der sogenannten 10er Auswahl, die aus rund 400 Aufführungen des deutschsprachigen Raums ausgewählt wird, gibt es außerdem den Stückemarkt, bei dem neue Theaterstücke gefördert werden. Die Unterstützung des Theater-Nachwuchs ist Hauptbestandteil der Veranstaltung. Dabei versteht sich das Festival als Treffpunkt und Open Space der Theaterkünste aus aller Welt und hat große Tradition: seit 1964 lädt eine unabhängige Jury aus Theaterkritiker:innen jährlich Inszenierungen in die Hauptstadt ein.

Während sich der Saal allmählich füllt und man hier und da ein Gesicht aus der Theater-Jury erspäht, wird ein Text auf die Bühne projiziert. Kurze Sätze, die an Regieanweisungen erinnern. Geschrieben in Kleinbuchstaben und Schreibmaschinenschrift – ein subtiler Verweis auf das Werk von Ernst Jandl, auf denen das Stück basiert. In „humanistää!“ werden neben „Die Humanisten“ (1976) und der Sprechoper „Aus der Fremde“ (1979) zahlreiche weitere Texte des bekannten österreichischen Autors verdichtet. Ernst Jandl – oft mit seinem „Ottos Mops“-Wortspiel assoziiert – soll aus der Bequemlichkeit des Schulunterrichts befreit werden, wie es später in einem Nachgespräch heißt. In spießigem Irrwitz schneiden Ernst Jandl und seine Partnerin Friedericke Mayröcker minutenlang ihr Essen am Tisch, beide in kratzigen Pullundern mit Perücke und Silikonmaske. Sprache scheint zunächst zweitrangig zu sein, die Figuren werden von anderen Spieler:innen per Mikrofon synchronisiert, distanziert im Konjunktiv und in der dritten Person verfasst. Unkonventionell, wie der Rest des Abends, aber trotzdem unterhaltsam schafft das Stück es, im Unsinn einen Sinn zu finden. Mittels eigens komponierter Musik, die von einem Live-Orchester gespielt wird, gelingt es der Regisseurin, dem jandl‘schen Humor frischen Wind einzuhauchen und gleichzeitig den messerscharfen Sarkasmus über unsere pseudo-aufgeklärte Moderne herauszufiltern.

Nach knapp zwei Stunden Gag-Show und Gackern, bleibt einem dann doch plötzlich das Lachen im Hals stecken, als Schauspieler Samouil Stoyanov das bittersüße „Deutsche Gedicht“ (1957) vorträgt. Wo vorher noch in buntem Saus und Braus gerangelt wurde, tritt nun die aufdringliche Ernsthaftigkeit in Form eines Monologs auf; ein Text der wie eine knallharte Abrechnung mit ‚Nationalstolz‘ und Schuldfragen in der österreichischen Nachkriegsgesellschaft auf der Bühne steht.

 

Jandl und Jubel

 

Die Jury des Theatertreffens beschreibt „humanistää!“ als szenischen Reigen voller Mini-Dramen und tatsächlich ist das Stück ein Feuerwerk an kleinen Formen. Zwischen exzentrischen Opernarien und dadaistischen Dialogen in Dauerschleife bleibt wenig Zeit zum Verschnaufen. Als Zuschauer:in wird man überflutet von der Fülle an Skurrilitäten, es fällt schwer, zu folgen. In metafiktionaler Ironie wird betont: „Das Publikum müsse bei allem immer wissen warum“, woraufhin erwidert wird, das Publikum könne verstehen „dass es Geheimnisse gebe, davon lebe Poesie!“

Festspiel-Stimmung scheint Programm zu sein: Das Publikum ist in Feierlaune, schon in der ersten Szene wird gejubelt und Beifall geklatscht. Wie ein Metrum schwingt Jandls absurd-komischer Stil den ganzen Abend mit. Die Choreografien sind mal mechanisch, mal animalisch, die Gesangseinlagen mal Oper und mal schräger Schlager. Am Ende kann das Publikum nicht mehr an sich halten: es gibt Standing Ovations und strahlende Gesichter, wohin man blickt. Noch beim Verlassen des Saals hört man Zuschauer:innen sich euphorisch über das eben Gesehene unterhalten: „Das ist Theater, das muss man einfach lieben!“ Es überrascht nicht, dass Claudia Bauer einen Abend zuvor beim Theatertreffen den mit 10.000 Euro datierten 3Sat-Preis gewonnen hat, der jährlich eine künstlerisch innovative Leistung ehrt.

Bei einem Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung freut sich einer der Schauspieler, „es ist noch nie so abgegangen!“ Das Ensemble beantwortet Fragen des Publikums und gibt spannende Einblicke in die Produktion. Nur sieben Woche wurde geprobt, die Kostüme wurden teilweise provisorisch aus dem Fundus zusammengestellt, das monotone Sprechen im Stile von Jandls Texten war eine der größten Herausforderungen. In Wien blieben viele der Lacher aus, die es in Berlin am laufenden Band gab. Ein Abend, der in Erinnerung bleiben wird und Lust auf das nächste Theatertreffen macht. Übrigens: Im Haus der Festspiele findet auch jedes Jahr die Jugendversion des Festivals statt, das Theatertreffen der Jugend!

 

Emilie Willner, die Autorin dieses Beitrags, studiert in Berlin Literatur und Gender Studies. Sie unterstützt neuerdings das junge bühne-Team im Bereich Social Media.

 

 

Bald startet der Radikal Blog von junge bühne und Münchner Volkstheater. Bleibt dran!